Samstag, 19. Dezember 2015

Dresden-Toulouse

Nein, wir waren nicht in Südfrankreich, das liegt entfernter denn je, aber wir waren in einem Konzert des Studios für Elektronische Musik im Konzertsaal der HfMDD, das diesen Titel hatte. Es war ein sehr interessantes Konzert, von dem ich in der gebotenen Kürze im Blog nicht alle Stücke besprechen kann.

Der französische Komponist Bertrand Dubedout war u.a. anwesend und hatte ein neues Stück 'musique acousmatique' mitgebracht, mit dem er über multiple Lautsprecher einen grandiosen Klangraum aufspannte: ZAZPIAKA (2015). Bei den musique conrète Anklängen dieses Stücks fühlte ich mich auf sympathische Weise an die französische Schule erinnert, namentlich an Michel Chion und das INA-GRM in Paris. So wunderte es mich auch nicht, als ich im Gespräch nach dem Konzert erfuhr, dass Monsieur Dubedout bei Pierre Schaeffer studiert hat. Da wir auf solche Musik schon geeicht sind, hat uns das Stück gut gefallen. LeserInnen, die meinen Blog aus der Karlsruher Zeit noch kennen, werden sich vielleicht noch an diese Musikthemen erinnern.

Ich finde Konzerte mit elektronischer Musik am schönsten, wenn auch die Instrumentierung oder die Inszenierung auf der Bühne dem Auge etwas besonderes bietet. Junge MusikerInnen, die sich nur mit ernsthafter Miene über ihren Apple-Laptop beugen und vorgestanzte Sequenzen abfahren, zähle ich nicht dazu. 

Den Setup von Alberto Arroyo 'Estado interior II.2 / Innerer Zustand II.2' fand ich hingegen sehr originell. Christian Wettin brachte mit energiereichen Tönen seiner Bassklarinette einen Konzertflügel zum Nachklingen, während Alberto Arroyo mit den Pedalen die Dauer und Intensität dieser akustisch induzierten Schwingungen steuerte. Der Klavierdeckel blieb dabei zu. Damit man die lang andauernden Ausschwingvorgänge der Klaviersaiten besser hörte, wurden sie mit einem Mikrofon verstärkt - sehr schön!

Der Aufbau für das Stück 'Relay' von Kaj Duncan David war frappierend einfach in der Wahl der Mittel, aber sehr effektvoll in musikalischer und optischer Hinsicht. Drei ordinäre Glühlampen wurden über elektromechanische Relais rhythmisch ein- und ausgeschaltet, die Schaltgeräusche der schwingenden Kontaktzungen mikrofoniert und die Klänge über einen Soundprozessor umgeformt und verstärkt. Das ergab ein hämmerndes Stakkato mit wechselnden Tempi und Klangfarben, bei dem die Lampen ein tanzendes Schattenbild des Operators an die Wand des Konzertsaals warfen.

Nicht unerwähnt darf natürlich ein Stück von Franz Martin Olbrisch bleiben: 'Couleur... (2015)'. Prof. Olbrisch ist der Leiter des Bereichs Elektronische Musik an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Wir hörten ein feinsinnig gespieltes, minimalistisch entworfenes Stück für Solo-Klarinette und Live-Elektronik, bei dem die meisterliche kompositorische Reife spürbar wurde.

Fotos: Johannes LeBong