Donnerstag, 15. Oktober 2015

Rihm und Lachenmann in Dresden

Musik als existenzielle Erfahrung - Doppelportrait Helmut Lachenmann und Wolfgang Rihm. »AN DIE FREUNDE...« - Die KlangNetz-Konzertreihe zum Thema »Freundschaft«, durfte ich mir nicht entgehen lassen.

Immerhin bestand die vage Aussicht, Prof. Rihm, dem großartigen Komponisten, Lehrer und Philosophen, den wir aus Karlsruhe kennen, zu begegnen. In Karlsruhe hatten meine Frau und ich ja unser eigenes 'Klangnetz' gepflegt, u.a. mit freundschaftlichen Kontakten zur dortigen Hochschule für Musik.


Die Namen Lachenmann und Rihm haben an diesem Abend ein größeres Publikum angezogen, als ich es bei anderen Konzerten der Hochschule für Musik in Dresden erlebt hatte, wenn Neue Musik auf dem Programm stand.

Die 'Gesungene Zeit' von Rihm, ein Stück bei dem die Violinen dominieren, wirkte auf mich wie ein feines Klanggespinst, sehr filigran und zart angelegt, sogar gefühlt romantisch, nicht zu vergleichen mit wuchtigeren Werken wie beispielsweise seine 'Etudes d'après Séraphin' oder den Orgelwerken. Rihm hören wir auch zuhause immer wieder gern und können uns - bei aller Modernität des Materials - emotional gut damit verbinden.

Lachenmanns Saitenspiel überzeugte mich auf eine andere Art. Sein Stück 'Klangschatten' versetzte mich in einen analytischen Hörmodus. Ich achtete auf die Ausführung der erweiterten Spieltechniken, konzentrierte mich auf Raumaustik-Effekte der Konzertflügel, die mal alle drei zeitsynchron zu besonderen Klängen angeregt wurden, dann wieder zeitversetzt. Daneben faszinierte mich die Natur der Klangschatten-Partikel und ihre zeitliche Ordnung. Nicht zuletzt beeindruckte das Klangfeld durch seine schiere Größe mit 48 Streichern plus drei Konzertflügeln.

Zum guten Schluss bei Beethovens 'Eroica' konnte man sich entspannt fallen lassen und einfach wieder einmal den bekannten Klassiker genießen. Auch die jungen Musiker wirkten bei diesem Stück lockerer, weil sie auf eingeübte Routinen zurückgreifen konnten. Ihre Spielfreude übertrug sich auf das Publikum und rundete den Konzertabend schön ab.



Mitwirkende: Solisten der HfM Dresden, Yukiko Sugawara, Marianna Storozhenko, Peter Naryshkin, Klavier, Jooeun Lee, Violine, Sinfonieorchester der Hochschule für Musik Dresden. Prof. Ekkehard Klemm, Dirigent.

Kontext-Link: klangnetz-dresden.de

Nachtrag: Wenn ich die Entstehungsgeschichte von 'Gesungene Zeit' richtig mitbekommen habe, dann war das Werk durch die Anregung von Paul Sacher von Wolfgang Rihm für Anne-Sophie Mutter komponiert worden. Also habe ich nach einer entsprechenden Einspielung mit Anne-Sophie Mutter gesucht und wurde fündig. (Deutsche Grammophon 437 093-2)

Alle Fotos: Johannes LeBong